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KUNSTWERKE

UND

KÜNSTLER

IN

ENGLAND UND PARIS.

VON

Dr. G. F. WAAGEN,

DIKE ('TOR DER GEMÄLDEGALLERIE DES KÖNIGE. MUSEUJIS ZU BERLIN.

DRITTER THEIL.

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KUNSTWERKE

UND

KÜNSTLER

IN

ENGLAND und PARIS.

VON

Dr. G. F. WAAGEN,

DIRECTOR DER G EMÄLDEG A LLERIE DES KÜ.MGL. »ISEl'MS ZI' BERLIN.

DRITTER THE IL.

BERLIN.

IN DER NICOL AISCIIEN BUCHHANDLUNG.

183 9

KUNSTWERKE

UND

KÜNSTLER

IN

PARIS.

Dr. G. F. WAAGEN,

DIRBCTOR DER ÜEMÄLDEGALLERIE BES KÖNIGE. MUSEUMS ZU BERLIN.

BERLIN.

IN DER NICOLAISCHEN BUCHHANDLUNG.

1839.

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IHE J. PAUL GiTiV MUSEUM LIBHAW

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V or rede.

I)ie wohlwollende Aufnahme, welche die ersten beiden Tlieile dieses Buches in Deutschland, wie in England gefunden haben, läfst mich ein Glei- ches für diesen dritten hoffen. Derselbe beschäf- tigt sich ausschliefslicher als jene und in stren- gerer, historischer Folge mit den Werken bil- dender Kunst, und kann für Solche, welche sich darüber aus den beiden ersten haben belehren wollen, füglich als ein zweiter Cursus betrach- tet werden. Zu dem Versuche, die wichtigsten, antiken Sculpturen des Louvre in chronologi- scher Folge zu betrachten, hat mich, bei dem grofsen Reichthum von Denkmalen aus verschie- denen Epochen, das Bedürfnifs vermocht, das eigentümliche Wesen derselben näher zu unter- scheiden, und so in den grofsen Wust der so- genannten Antiken, mit den sehr allgemeinen

*

vi Vorrede.

Bestimmungen, ägyptisch, altgriechisch, griechisch und römisch, eine etwas genauere, historisch - or- ganische Gliederung; zu bringen. Wer die Scliwie- rigkeit dieser complicirtcn Aufgabe kennt, wird besonders so manche einzelne Bestimmungen mit Nachsicht beurtheilen. Mit noch gröfserem Rechte glaube ich ein Solches von den Kennern der neueren Kunstgeschichte in Bezug auf den Ab- schnitt über die Miniaturen in Manuscripten er warten zu dürfen. Es enthält derselbe nämlich I den ersten .Versuch, die Geschichte der .Malerei | in Frankreich, den Niederlanden, England und | Deutschland vom 7ten bis zum löten Jahrhun dert in ihren allgemeinsten Umrissen auf die A n s ch a u u n g von Denkmale n zu begrün- den. Bei dem gröfseren Reichthum von derglei- 1 chen für Frankreich und von 1450 ab auch für die Niederlande mufste er für diese Länder am I vollständigsten ausfallen. Aus den Miniaturen I anderer Bibliotheken in Europa wird er sich für die anderen Länder ergänzen und berichtigen lassen. Da die Bildergallerie des Louvre nicht allein die wohlassortirteste , sondern auch die am meisten zum Gcnufs und zur Belehrung be- suchte in der Welt ist, scheint es mir nicht un- wichtig, ihre Schätze einmal nach Zeitfolge und

I orreile.

VII

Schulen zu betrachten und die zweifelhafte Be- nennung mancher Bilder zur Sprache zu bringen. Es ist mir lediglich hierbei um Förderung der Wahrheit zu thun und wird mir daher jede gründlich motivirte Nachweisung eines Irrthums willkommen sein. Insofern aber dieses Buch überhaupt dazu beitragen sollte, Kenntnifs und Interesse in Dingen bildender Kunst in gröfse- ren Kreisen zu verbreiten, so wie den Thatbe- stand der kunsthistorischen Kunde zu vermehren, verdankt das Publikum Solches Sr. Excellenz, dem, alle ernsteren Bestrebungen in Wissen- schaft und Kunst unablässig fördernden, Herrn Minister, Freiherrn von Alten stein, welcher durch Bewilligung der erforderlichen Mittel mich in den Stand gesetzt hat, jene Untersuchungen in England, wie in Paris anstellen zu können. Die Art und Weise, womit meine Studien in Paris, für die Sammlungen des Louvre von Hrn. von Cailleux, für die der Bibliothek von den Herren Champollion - Figeac, Hase, Du- chesne dem älteren, und Lenormand durch Gestattung der freiesten Benutzung der ihrer Auf- sicht anvertrauten Schätze, für die Miniaturen insbesondere von dem Hrn. Grafen August von Bastard durch wesentliche Opfer an Zeit und

VIII

Vorrede.

Mühe, gefördert worden sind, hat mich über- zeugt, dafs bei den Männern der Wissenschaft und Kunst bereits die, hoffentlich auch für die I Fürsten und Völker Europa’s nicht mehr ferne 1 Zeit eingetreten ist, in welcher es gilt, mit Hin- wegsetzung über die speciellen Interessen und Ansichten der verschiedenen Nationen, an der grofsen, in mancher Beziehung kaum begonne- nen, Bildung des menschlichen Geschlechts, gleich den Gliedern einer grofsen Familie, gemeinsam zu arbeiten. Aus diesem Standpunkt bitte ich daher auch jene Herren, welchen ich hier öffent- ( lieh meinen wärmsten Dank ausspreche, meine I freimüthigen Urtheile und Vorschläge zu Ver- besserungen betrachten zu wollen.

Da in Paris die öffentlichen Kunstsammlun- i gen bei weitem die Hauptsache sind, und ein , Aufenthalt von zehn Wochen im Jahre 1833, I mit dem von sieben Wochen im Jahre 1835, I nur bei der gewissenhaftesten Benutzung der Zeit und dem angestrengtesten Fleifs ausreichte, die hier über dieselben niedergelegten Beobach- tungen anzustellen und auf das Papier zu wer- fen, konnte ich nur die wenigen Tage und Stun- den, in welchen die öffentlichen Sammlungen nicht zugänglich waren, auf den Besuch von

Vorrede.

tx

Privatsammlungen verwenden. Zu meinem gröfs- ten Bedauern habe ich mithin nur den kleineren Theil derselben sehen können. Obgleich daher meine Bemerkungen über die Privatsammlungen immer nur sehr lückenhaft hätten ausfallen kön- nen, würde ich sie dennoch nicht unterdrückt haben, wenn nicht die wichtigsten seitdem theils, wie die unvergleichliche Dur and sehe von grie- chischen Yasen und anderen Anticaglien, ganz zerstreuet, theils, wie die, seiner Vaterstadt Mont- pellier vermachte, Sammlung holländischer Ge- mälde des Hrn. Yaledeau, und die nach Eng- land verkaufte, ähnliche des Hrn. Boursault, für Paris verloren, theils endlich, wie die be- rühmte Sammlung spanischer Bilder des Marschall So ult, in der Auflösung begriffen wären.

Aufser den hin und wieder von mir ange- zogenen Werken sind mir für historische Noti- zen noch ganz besonders die des Piganiol de la Force, des d’Argensville, Duchesne’s „Notice des Eslampes expostes a la Bibliotlieque Royale“ vom Jahre 1837 und Marion du Mersan’s „His- toire du Cabinet des Medailles etc.“ vom Jahre 1838 nützlich gewesen.

Für Leser, welche dieses Buch, vielleicht nach den Hauptabschnitten einzeln geheftet, als

X

VoiTeile.

Leitfaden in den Sammlungen selbst benutzen wollen, habe ich dem allgemeinen Sachregister noch zwei Listen übei Sctinmtliche antike Statuen und Gemälde, welche erwähnt werden, hinzuge- fügt, wonach die Notiz über jedes Kunstwerk sogleich aufzufinden ist. Einige sinnentstellende Druckfehler und eine Anzahl falscher Nrn. bitte ich angelegentlich verbessern zu wollen.

Berlin, den 22. December 1838.

Der Verfasser.

I n h a 1 1 s - A n z c i g e.

Erster Brief. (Seite 1.)

Abreise von London. Dover. Boulogne. Vergleich von London und Paris. IJeberblick der In- teressen, welche Paris darbietet.

Xireiter Brief. (Seite 16.)

Geschichte des Sammelns, Ilervorbringens und Stu- diums bildender Kunstwerke in Frankreich. Carl V., König von Frankreich. Franz I. Fontainebleau. Heinrich II. Schicksal ihrer Sammlungen. Hein- rich IV. Ludwig XIV. Charles Lebrun. Ge- mäldesammlung in Versailles. Sammlungen der Hand- zeichnungen — der Kupferstiche antiker Sculpturen geschnittener Steine und Münzen. Manuscripte mit Mi- niaturen. — Gallerie Orleans. Werke des Felibien und de Piles. Ludwig XV. Sammlungen von Cro- zat. Sonstige Sammlungen. J. P. Mariette. Der Graf Caylus. Pellerin. Ludwig XVI. Zerstö- rungen während der Revolution. Neue Schöpfungen. Musee des Monuments Franpais. Museum im Lou- vre. — Kriegsbeute aus Europa. Ludwig XVIII. Carl X. Musee Angouleme. Musee de Charles X. Ägyptische und griechisch-römische Anticaglien.

XII

Inhalts - Anzeige.

Dritter Brief, (Seite 87.)

Besuch hei dem Baron Gerard. ^ erhältnifs der

antiken Sculpturen im Louvre zu denen im britischen .Mu- seum. — Aufstellung der Sculpturen im Louvre. Ae- gyptische Denkmale. Zeichnungen zu dem Werke C hem* pollion s des jüngeren. Sculpturen im altgricchiseben Styl. Sculpturen aus der Zeit des Pli^dias und di Schule aus der Schule des Scopas, Praxiteles, L>sipp, der Nachfolger Alexander s. Character römischer Kunst. Sculpturen von J. Cäsar bi> Trajan - aus der Zeit Hadrians der Antonine von A. Severus bis Lici- nius von Constantin bis Justinian. Sonstige Nich- tige Sculpturen im Louvre.

Vierter Brief, (Seite 175.)

Besuch bei Alexander von Humboldt und bei Hittorf. Bronzen und Vasen im Museum Carls X. Das Anti- kencabinet. — Geschnittene Steine. Cameeu. In- taglio’s. Münzen. Bronzen. Gefafsc. Fund von Berthouville Antikes Geräth.

Fünfter Brief, (Seite 19.3)

Studium der Miniaturen auf der königl. Bibliothek durch den Grafen Bastard. Die christliche Malerei von Constantin bis 750 n. Chr. Geb. Byzantinische Miniaturen vom 9ten bis 15ten Jahrhundert. 8tes Jahr- hundert: italienix lir . frSakitfchc, angelsächsische MiniaUi* ren von 800 900. ibfpdiänilitchr MiniatTPn. All- gemeiner Character. Französische, Man— Cfipte def Kaiser Lothar und Carl s des Kahlen. Italienische. 900 1000. Allgemeiner Character, französische, engli- sche, niederländische, deutsche, italienische. 1000 liis

1150. Allgemeiner Character, finäzSsmhe, englische, niederländische, deutsche, italiraiichc Miniai nmi

XIII

Inhalts - Anzeige.

Sechster Brief. (Seite 279.)

Besuch bei dem Baron von Werther. Werk des Grafen Bastard über die Miniaturen der königl. Bibliothek.

Abendländische Miniaturen von 1150 1250. Allge-

meiner Character, französische, englische, niederländische, deutsche, italienische. 1250 1360. Allgemeiner Cha-

racter, französische, englische, niederländische, deutsche, italienische. 1360 1410. Allgemeiner Character, nie-

derländische, französische, holländische, italienische. 1410 1500. Ausbildung germanischer Auffassung im Gegensatz zur antiken. Vorgang der Niederlande. Niederländische Miniaturen. Brevier des Herzogs von Bedford mit Malereien der van Eyck. Kunstweise der romanischen Völker. Italienische Miniaturen. Brevier des Bischofs von Gran mit Miniaturen von Attavante. Leben des Franz Sforza mit Miniaturen ira Geiste des Lio- nardo da Vinci. Französische Miniaturen. Jean Fou- quet und seine Schule. Uebersetzung des Josephus mit Miniaturen von ihm. Andere Schule dort, Brevier der Anna von Bretagne. Brevier von Rene dem Guten.

Diurnal des jüngeren Rene. Miniaturen von 1500 bis 1550. Italienische Psalmodie von Don Giulio Clovio geschmückt. Französische. Triumphe des Petrarca von Godefroy ausgemalt. Brevier Heinrich’s II. mit Miniatu- ren unter Einflufs des Jean Cousin.

Siebenter Brief. (Seite 398.)

Gemäldegallerie im Louvre. Aufstellung. Anzahl. Ita- lienische Schule. 1200 1400. Florentiner. 1300 1400. Sieneser. 1400 1500. Florentiner. Umbrer. Bologneser und Ferrareser. Venezianer. Lombarden. 1500 1540. Florentiner. Römer. Lombarden. Venezianer. 1540

bis 1590. Florentiner. Römer. Lombarden. Venezianer.

1590 1640. Die Carracci zu Bologna, ihre Schüler.

Michelangelo da Caravaggio und Nachfolger. Flo- rentiner. — Venezianer. 1640 1750. Akademiker.

XIV

Inhalts- Anzeige.

Naturalisten. Decorationsmaler. Landschaft»* and Archi- teclurmaler.

Achter Jlvief. (Seite 535.)

Die Herren Thiers and GuizoL Niederländische Schule von 1410 1510. Dieselbe von 1510 1610. Deut- sche Schule von 1500 1610. Niederländische und deut- sche Schule von 1610 1700. Die Flamäuner. Die Hol- länder. — Holländische und deutsche Schule von 1700 bis 1790. Die spanische Schule. Die französische Schule von 1540 1620. Dieselbe von 1620 1789.

Weunter Urief. (Seite 682.)

Die Herren Merimee und 5 itet. Sculpturen von 416 1789. Diptycha. Bücherdeckel. Sculpturen aus dem 16ten, 17ten und 18ten Jahrhundert. Geschnit- tene Steine aus dem löten und 17ten Jahrhundert. Me- daillen vom löten bis 17ten Jahrhundert. Mittelalter- liches Geräth und Waffen. Die französische Kunst seit 1789. Nachtheile des Mischens dieser neuen mit äl- teren Bildern der französischen Schule. Malerei, Aqua- relmalerei, Porzellanmalerei, Sevres Glasmalerei. Scul- ptur. Medaillen. Neue Gebäude. Hotel d<- Clunv .

Erster Brief.

Paris, den 17. Octobcr 1835.

Vorgestern glücklich zum dritten Mal in dieser Welt- stadt angclangt, eile ich Dir Einiges von meiner Reise von London hierher zu melden.

Um 11 Uhr Vormittags fulir ich am 12. mit der Coach von London nach Dover ab, wo ich nach ei- ner sehr kalten Reise um 8 Uhr Abends ankam. Die Strafse führt über Canterbury, wo ich so sehnlichst gewünscht hätte, die Cathedrale, eine der merkwür- digsten in England, zu besehen. Das Herz blutete mir daher, als beim Umspannen dort die bereits ein- getretene Dunkelheit selbst einen flüchtigen Blick auf das Aeufsere unmöglich machte. Da am folgenden Tage das Dampfboot nach Boulogne erst um 12 Uhr abging, benutzte ich den Morgen, den mäfsig grofsen Ort nach allen Richtungen zu durchwandern. Die Zahl und der stattliche Umfang der Gasthöfe geben eine anschauliche Vorstellung von der Masse der Rei- senden, welche diesen HauptverbindungspunCt zwi- schen zwei so mächtigen Ländern, wie England und Frankreich, berühren. Den Hauptschmuck von Do- III. 1

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Heise von London nach Paris.

yer aber bildet die alte Veste, welche, den Gipfel der vom Meere steil aufsteigenden Kreidefelsen krönend, weit in die See hinaus schauet, und als Bild der Ver- gangenheit und Stabilität einen schroffen Contrast mit der flüchtigen, durch die beständig wechselnden K<i- senden hier grade in ewiger 'S eranderlichkcit erschei- nenden Gegenwart darbietet. Lange durchschnitt das Schiff schon die schäumenden Wogen, als ich noch immer nach der englischen Küste blickte, welche mit ihren weifsen, sönnenbcglanzten Kreidefelsen am Horizont emportauchte. Als aber endlich auch die letzte Spur dieses mir jetzt so wohlbekannten, >o werth gewordenen Insellandes für mich wohl auf im- mer verschwand, konnte ich mich eines Gefühl." der Wehmuth nicht erwehren.

Nach einer Fahrt von nicht ganz 4 Stunden in Boulogne angekommen, mufste icli gleich lebhaft em- pfinden, welche verschiedenartigen Welten diese kleine Entfernung trennt. W ährend das Schiffsvolk des eng- lischen Dampfbootes, worauf ich midi befand, gleich- förmig und sauber in blaues Tuch gekleidet, ernst und schweigsam seine Arbeiten verrichtete, tönte un> von der schmutzig, buntschückig und übel bekleideten Mannschaft eines französischen Dampfschiffs, welches dort vor Anker lag, ein Gekakel und Geschrei, wie von Dohlen und Kranichen durcheinander entgegen. Zwei Sehranken, welche vom Landungsplatz zu dem Hause führten, wo das Pa&geachäft abgemacht wurde, waren dicht mit Neugierigen, nt eist aus den geringe- ren Volksclassen von Boulogne. besetzt, welche an der ansehnlichen, zwischen ihnen durchpassircnden Reisegesellschaft reichlich ihren Witz auslicfsen. ,, Voila le fameux Don Quichote.” hiefs cs von einem

Reise von London nach Paris.

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zu seltener Gröfse ausgedicliencn Engländer, vom Ge- schlecht der Hageren, welcher wirklich, in einem für ihn sehr kurzen, wasserdichten Mantelkragen steif und mit fast tragischem Ernst einherschreitend, ein etwas abenteuerliches Ansehen Hatte. Ein Voici un des heros de Shakspeare“ schien einem anderen Engländer von höchst entschiedener und martialischer Physiognomie zu gellen. Kaum war das Pafsgeschäft und die sehr discrete Visitation beendigt, so sahen sich die meisten Heisenden von einem Gedränge von Menschen umgeben, welche alle zugleich über sie mit einem wüthenden Geschrei, wie hungerige Hunde über ihre Heute hcrfielen. Erst nach einigen Minu- ten wurde ich inne, dafs jeder in diesem Geschrei einen Gasthof als vor allen vorzüglich anpries. Ehn nur loszukommen, wählte ich den, dessen Namen ich am ersten verstand, und wurde also ins Hotel des Bains geführt. Auf dem Wege dahin fand ich einen polizeilichen Anschlag, worin die Fremden auf- gefordert werden, sogleich selbst einen Gasthof zu nennen, um nicht unter den Belästigungen der Schreier („ Crienrs u) zu leiden. Wenn man aber, wie ich und gewifs so mancher Andere, den Namen keines Gasthofes im voraus kennt, kann einem dieser wohlgemeinte Rath leider wenig helfen. Merkwür- dig war es mir jedoch, hier eine ganze Menschen- classe officiell als Schreier bezeichnet zu finden. Der Zufall hatte mir wohlgewollt, ich befand mich in dem Hotel des Bains ganz gut. Anstatt des ver- einzelten, schweigsamen Essens in England zeugte hier die Table d’höte mit lebhafter Unterhaltung für die Neigung der Franzosen zur Geselligkeit; an- statt des colossalen Rostbeefs, welches dort vor je-

1*

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Reise von London nach Pai'is.

dem Einzelnen als ein grobes Geschütz aufgepflanzt wird, setzten sich hier für die ganze Gesellschaft mehrere bescheidene Schüsseln in Bewegung, welche | indefs mit ihrem Kleingewehrfeuer auf die Efslust unfehlbar eine noch gröfsere Wirkung machten, als jenes, und die mit den Geschmacksnerven coquetti- renden Gegensätze und Accorde der französischen Kochkunst glücklich entwickelten. Desto vortheil- hafter für England drängte sich mir indefs noch den- selben Abend ein anderer Vergleich auf. Eine ganze Stunde mufste ich im Biircau der Diligence warten, welche anstatt um 10, erst um 11 Uhr nach Paris abging, und als ich endlich in den plumpen, wie ein Frachtwagen mit schweren Collis belasteten Wagen, der aus der Ferne einem Elephanten nicht unähnlich sieht, hineingestiegen, setzte sich dieser mit drei häfs- liclien, schwerfälligen Pferden in eine so bedächtige Bewegung, dafs man kaum von der Stelle kam. Es ist mir wirklich unbegreiflich, dafs eine Nation, wel- che alle anderen des Erdbodens an Lebhaftigkeit und quecksilberartiger Beweglichkeit übertrifTt, und in al- len anderen Dingen sich als so höchst practisch und | anstellig beweist, sich eine so schwerfällige Rcisean- stalt fortwährend gefallen läfst. Da meine Paresseuse dasselbe Tempo beibehielt, wurden auf der mäfsigen j Strecke nach Paris 45 Stunden verbracht, so dafs ich erst vorgestern um 6^ Uhr hier eintraf. Bei dem frischen Eindruck der englischen Coaehes mufste ich in meiner Ungeduld öfter meine Zuflucht zu meinem Wahlspruch des Odysseus nehmen. Ich hatte aber noch aufserdem Veranlassung, die Leute zu beneiden. ' welche auf Reisen nicht an die eiserne, unerbittliche 1 Nothwendigkeit der Diligencen geschmiedet sind, in- j

Die Franzosen vor und nach der Devolution. 5

dem ich Amiens mit einer der schönsten Cathedra- len in ganz Frankreich schmerzlicher Weise bei Nacht passircu mufste. Bei meiner grofsen Liebe zu Ster- il c’s empfindsamer Reise kannst Du Dir leicht vor- stellen, dafs er mir oft in den Sinn kam, als ich ganz dieselbe Strafse verfolgte, welche ihn vor nun 73 Jahren nach Paris geführt hat. Die jetzigen Fran- zosen würden ihm indefs wenig Stoff zu seinen bald rührenden, bald heiteren Schilderungen geboten ha- ben; denn jenes feine, zartfühlende, harmlos fröhli- che, leichtsinnige Geschlecht, welchem eine allge- meine Höflichkeit gegen jedermann, und Zuvorkom- menheit und Galanterie gegen das schöne Geschlecht, ohne selbstische Absichten, fast durchgängig ebenso angeboren war, wie die unbedingteste und bornirte- ste Selbstvcrgöttcrung, ist längst von der Erde ver- schwunden. Wie das zufolge der allen Mythe nach der deucalionischen Fluth aus Steinen, oder nach der Aussaat des Kadnios aus Drachenzähnen entsprossene Geschlecht a so sind auch die Kinder der Revolution aus derberem Stoffe geformt. An die Stelle jener alten, unselbstischen Höflichkeit gegen ganz fremde Personen ist im Allgemeinen eher das Gegentlieil getreten, und von Empfindsamkeit hat sich jede Spur verloren. Dagegen zeigen die jetzigen Franzosen ei- nen Ernst, eine Entschiedenheit des Characters, eine Gründlichkeit und Vielseitigkeit des Bestrebens, einen Sinn für die Eigen thümlichkeit und die Vorzüge an- derer Nationen, wie ihre liebenswürdigen Vorfahren es sich nicht haben träumen lassen.

Es war mir sehr interessant, einen so frischen - Vergleich zwischen London und Paris anstellen zu können. In Rücksicht des Umfangs erscheint das

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Vergleich von London und Paris.

grofse Paris gegen Loudou fast klein; übcrdem sind die äufsersten Theile n<mi Pari« im Verhältnib u den mittleren viel unscheinbarer und ärmlicher als in London, wo hierin eine ziemliche Gleiclunäfsigkeit herrscht. Die schmale Seine mit ihrem geringen Ver- kehr macht nun vollends gegen die breite Themse mit ihrem Welthandel einen sehr unbedeutenden Ein- druck. Ganz anders stellt sich indefs die Sache, wenn man die Benutzung der l fer beider Flusse \ergleicht. Fast durchgängig haben sich in London im Interesse des Handels und des Verkehrs Gebäude, welche sich bis auf wenige weder durch Masse noch Architectur auszeichnen, dicht an den Flufs gedrängt, so dafs von unmittelbar längs demselben laufenden S traben, oder Quais, dort fast gar nichts vorkommt, ln keiner an- deren grofsen Stadt, welche an einem Flufs liegt, ist dagegen dieser Umstand so glücklich zur Verschöne- rung benutzt worden, als in Paris. Denn die t fer der Seine sind fast durchgängig mit Quais versehen, und eine beträchtliche Anzahl der vornehmsten und stattlichsten Gebäude, welche diese Quais schmiik- ken, gewähren die mannigfaltigsten und imposante- sten Ansichten. Es ist charact eristisch für das wahr- haft Grofsarlige, dafs es, nach längerer Zeit wieder gesehen, einem immer bedeutender entgegentritt. So ging es mir auch dieses Mal hier, als ich gleich die ersten zwei Tage meine Licblingsslandpuncte auf- suclitc. Zuerst wandte ich meine Blicke, auf dem Pont des Arts stehend, stromaufwärts gegen Pont- Neuf, wo sich der in zwei Anne getheilte Flufs. nach- dem er die Insel, worauf die Catliedrale liegt, gebil- det, wieder vereinigt. Höchst malerisch thi'irmen sich liier in dem zufälligsten Durcheinander gewaltige Mas-

Benutzung der Seineufer in Paris. 7

scn von Häusern vor dem Auge auf, welche durch eine hellgraue Farbe unwillkührlich an verwitterte Felsgchirge erinnern. In der Ferne aber ragt die ehr- würdige Kirche Notrc Harne hervor. Es ist die grols- artigste Anschauung von uraltem Bürgerthum und | echt städtischem Wesen, welche man haben kann. Welch anderes Schauspiel gewährt dagegen der Blick stromabwärts, wenn man Pont-Neuf vom linken Seincufcr aus betritt! In den rcgelmäfsigsten und' imposantesten Massen der Palläste des Louvre und der Tuilericn, welche sich cn cchcllon auf das Yor- theilhaftcstc darstellen, empfängt man hier einen nicht minder würdigen Eindruck von dem Dasein eines mächtigen Herrschers. Aber auch der Blick von dem Quai vor der langen Gallerie des Louvre ist von gro- fsem Interesse. Zur Rechten sieht man auf dein ent- gegengesetzten Ufer der Seine die Vorstadt St. Ger- main, den Sitz der alten Aristokratie, des diplomati- schen Corps und mehrerer Ministerien, deren eins in einem colossalen, noch nicht beendigten Prachtbau, welcher sich auf dem Quai d’Orsay erhebt, Platz finden soll *), zur Linken das sogenannte Viertel der Gelehrten und Künstler, welches am Quai durch das Palais des Arts, den Sitz des berühmten, sich über alle Künste und Wissenschaften erstreckenden Insti- tuts de la France, repräsentirt wird. Freilich ver- mifst man hier in Paris die grofsen Rasenflächen der Londoner Parke, deren frisches Grün dem Auge so wohl tliut, und die häufige Unterbrechung der ein- förmigen Häusermassen durch die schön bepflanzten

*) Es ist später dem Ministerium der auswärtigen An- gelegenheiten zu Theil geworden.

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Vergleich von London und Paris.

Squares, doch gewähren für erstere der Garten der Tuilerien und die eliseischeu Gefilde, für letztere die Boulevards, schon einigen Ersatz. W ie aber die Parks in London durch den entschiedenen Gegensatz | des kunstlosen Naturzustandes gegen den grofs artig städtischen eine so angenehme Wirkung machen, so beruht der Reiz des Gartens der Tuilerien auf dem Gefühl der Harmonie, in welche derselbe, vermittelst eines darin durchwaltenden arehitectonischen Ge- setzes, zu den arehitectonischen Umgebungen zu Lud- wig’s XIV. Zeit von dem berühmten Le Nos t re gebracht worden ist. In regelmüfsige Felder getheilt und auch so bepflanzt, macht er mit seinen Spring- brunnen und den zahlreichen Sculpturen, tlieils Co- pien berühmter Antiken, tlieils W erkc ausgezeichne- ter französischer Künstler, in einem seltnen Grade den edlen Eindruck, welcher hervorgebracht wird, wenn Natur und eine hohe Bildung des Geschmacks glück- lich sich durchdringend gemeinsam wirken. Nur stören mich immer hierbei die häfslichen, hohen Dächer der Tuilerien. Wie nun in den grofsen Flächen der Parks in London sich die schöne Welt während der Saison zu Pferde und Wagen lebhaft einher bewegt, [ so versammelt sich dieselbe hier gemächlich wan- delnd, oder auf zahllosen Stühlen in vielfachen Grup- pen ausruhend, in Betrachtung ihrer selbst und der schönen Umgebung uud mannigfachem Gespräch gc- tlieilt. Ist man aber, diesen Garten durchschreitend, in den Mittelpunct der Place de la Concorde gelangt, so befindet man sich in dem Centrum von vier Ave- nuen, wie sie so vereinigt nicht zum zweiten Mal in der Welt Vorkommen. Sicht man grade aus, so erblickt mau als Endpunct der einen die Etoilc, den

Place de la Concorde. Boulevards. 9

colossalsten, von Napoleon begonnenen, von Louis P h i I i p p jetzt fast beendigten Triumphbogen, welcher existirt; dreht man sich um, so stellen sich ihm ge- genüber die Tuilerien dar. Im rechten Winkel mit beiden sieht man rechts jenseits der Seine das Ge- bäude der Dcputirtenkammcr, links die in der Form eines colossalen, corinthischen Tempels aufsteigende Kirche der Magdalena. Dieser Mittelpunct wird jetzt durch den grofsen Obelisken aus Aegypten auf eine schöne und bedeutende Art bezeichnet, und der ganze Platz dem angemessen auf eine prachtvolle Weise verziert werden. Von dort den Weg nach der Mag- dalenen- Kirche einschlagcnd, gelangte ich zu den Boulevards, breiten, mit Bäumen besetzten Strafsen, welche, von liier an fast um ganz Paris herumlau- fend, an die Stelle der Befestigungswerke getreten sind, so vordem die eigentliche Stadt von den Vor- städten trennten. Aufser an dem Namen, erkennt man die ursprüngliche Bedeutung nur noch an den zwei grofsen, unter Ludwig XIV. ausgeführten Thoren St. Denys und St. Martin, welche jetzt einzeln da- stehend, das Ansehen von Triumphbogen gewähren. Diese Boulevards bilden nun den Hauptspaziergang der Pariser, und es ist schon der Mühe werth, sich an einem schönen Sonntag Nachmittag, an welchem hier Hunderttausende lustwandeln, eine Zeitlang mit fortschieben zu lassen; denn da das Terrain etwas bewegt ist, so übersieht mair von den höheren Stel- len grofse Strecken der einherflutlienden Menge, und erhält den anschaulichen Eindruck von einem eigent- lichen, unabsehbaren Menschenstrom. Das gröfste Interesse bietet indefs der Boulevard des Italiens dar, indem derselbe durch die Nähe der grofsen und der

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Historische Erinnerungen in Paris.

italienischen Oper, der reichsten und prächtigsten La- den und einiger der ersten Cafes, eine Lieblingspro- menade der elegantesten \\ eit bildet. Sind nun alle diese und so viele andere Gegenstände schon an sich geeignet, die Aufmerksamkeit jedes Fremden auf das lebhafteste in Anspruch zu nehmen, so wird das In- teresse durch die bedeutendsten historischen Erinne- rungen, welche sich daran knüpfend dem mit der Ge- schichte Vertrauten bei jedem Schritte sich aufdrängen, noch unendlich gesteigert. AN ie der Alineralog auf dem Vesuv die erstarrten Lavaströme der berühmte- sten Ausbrüche aufsucht und unterscheidet, so der Freund der Geschichte auf diesem politischen A ul- cane die Stellen, welche in den Ausbrüchen von 1572. 1789, 1791, 1793, 1799, 1830 eine Hauptrolle gespielt haben, und durch die Bluthochzeit, die Zerstörung der Bastille, die Septemberscenen, die Hinrichtung Ludwig’s XVI., die Erhebung Bonapart e s zum ersten Consul und die A7ertrcibung der Bourbons am hervorstechendsten bezeichnet werden. Ich gestehe, dafs ich, wenn ich spät in der Nacht «dnsant in den engen, nur spärlich von einzelnen, rolhbrennenden Laternen erleuchteten Strafscn mit den hohen Häu- sern einhergegangen, und mir die zahllosen Gräucl- scencn, die Ströme unschuldigen Bluts, welche hier seit Jahrhunderten vergossen wurden, lebhaft einfielen, mich bisweilen eines geheimen Grauens nicht erweh- ren konnte. AA enn mich aber nicht Alles trügt, so ist endlich die Zeit so grofser. die AA eit erschüt- ternder Eruptionen vorüber, und geht Paris, wie Frankreich, jetzt einer ruhigen, organischen Entwick» lung entgegen. Nur mufs man sich durch kleinere Ausbrüche nicht irre machen lassen: sie sind viel-

Sammlungen f. Wissenschaft u. Kunst in Paris. 11

mehr ganz natürlich. Zu allem Ohigen, was Paris so interessant macht, kommt nun noch das Bewusst- sein, dafs es von der Mitte des 17. bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Mittelpunct und das Muster der höheren geistigen und geselligen Bildung und Ver- bildung für ganz Europa gewesen ist. Aber auch noch heut ist Paris nicht blofs als die Hauptstadt von Frankreich, sondern als die der ganzen gebilde- ten Welt zu betrachten. Keine andere Stadt bietet nämlich in dem Maafse die Mittel zur Befriedigung aller geistigen Ansprüche dar. Für alle Wissenschaf- ten und Künste stehen hier für Jedermann die grofs- artigsten Anstalten zu freiester Benutzung offen, und finden sich Für viele die gröfsten Meister darin zu dem lebendigsten, geistigen Verkehr. Welche andere Stadt besitzt eine Anstalt für Naturwissenschaften, wie der Jardin des Planles in seiner Gesammtheit, in welchem sich aus dem Thier-, Pflanzen- und Mi- neralreich solche Schätze vereinigt fänden? oder für die historischen Wissenschaften eine Bibliothek, wie die des Königs mit ihren 100,000 Manuscripten? Aufser dieser aber stehen noch drei andere, die des Instituts, des Arsenals und Ste. Genevieve, zu öffent- lichem Gebrauche frei. Fafst man alle Schätze zu- sammen, welche die Sammlungen des Louvre an ägy- ptischen, griechischen, römischen und mittelalterli- chen Sculpturen und Anticaglien, an Gemälden und Handzeichnungen aller Zeiten und Schulen enthalten; nimmt man hierzu die Reiclitliümer der mit der Bi- bliothek verbundenen Cabinette der Kupferstiche und der Münzen, geschnittenen Steine und anderer Anti- quitäten, zu welchem allem endlich für moderne Kunst die Bilder und Sculpturen im Pallast Luxembourg

12 Musikalische und dramatische Genüsse in Paris.

kommen, so mnfs man gestehen, dafs keine Stadt der Welt etwas Aelinliclies an öffentlichen Kunstsamm- lungen aufzuweisen hat. In einem fast nicht minder glänzenden Licht erscheint Paris in Beziehung auf Musik. Denn abgesehen von den grofseu aufgehäuf- ten Schätzen von Musikalicn, hat man nur hier die Gelegenheit, die berühmtesten Musiken der verschie- densten Zeiten und Arten in der gröfsten 'S ollkommen- heit zu hören. Für die Meisterwerke früherer Jahr- hunderte ebenso, wie für die grofseu Symphonien des musikalischen Dreigestirns erster Gröfse, II ay d n. Mo- zart und Beethoven, bieten die Conccrtc des ge- priesenen Conservatoriums die trefflichste Gelegenheit dar, für die italienische Modemusik aber die italieni- sche Oper, wo wie in London immer die ersten Ge- sangstalente von Europa thätig sind. Die leichte fran- zösische Operette wird durch die Opera comiquc mit vielem Glück, das dreiköpfige Ungeheuer der mo- dernen grofseu Oper, in welcher Schaugepränge und Tanz mindestens eben so wichtig wie Musik ist. die man aber dem ungeachtet par exccllencc das lang- weilige Genre nennen könnte, durch die Acadcmic musicale, oder die grofse Oper wenigstens äufserst glänzend vertreten. Der Freund der Darstellung dra- matischer Poesie findet nun aber vollends nirgend eine so mannigfaltige Befriedigung als hier. Ffti das altclassischc Trauer- und Lustspiel, wie für die rc- gelmäfsigeren Producte der neu -romantischen Schule besucht er das freilich jetat in grofsei Abnahme befindliche Theätrc fran^ais. Die wildesten und zü- gellosesten Ausgeburten der Neuromantiker, die Me- lodramen, wobei oft Menschen und Tliiere in Masse um die Wette spicleu, werden im Theater der Porte

Pi anconi . -dr/ der Geselligkeit in Paris. 13

St. Martin gebührend ausgestattet. Für das leichtere Lust- und Schauspiel, worin die Franzosen so viel gute Laune und Grazie zeigen, dafs cs gewifs in der Poesie ihr eigentümlichstes Gebiet ist, ist das Theä- tre de Gymnase das sehr würdige Gefiifs. In das Gebiet der noch leichteren Waarc, der Vaudevilles und der Localpossen, theilen sich endlich nach ver- schiedenen Schatlirungcn die Theater des Varietes, des Vaudevilles und des Palais Royal. Aber auch für den Freund der Entwicklung von Grazie in der lebhaftesten Bewegung, eines gewifs nicht unwürdi- gen Kunstgenusses, ist hier durch Fr anconi, wo die beiden graziösesten Geschöpfe, Mensch und Pferd, diese Eigenschaft in Vereinigung auf das Kühnste und Vollkommenste entwickeln, ganz unvergleichlich ge- sorgt.

Zu allem diesem kommt als einer der wesentlich- sten Vorthcilc die Form und die Art der hiesigen Geselligkeit. Die Franzosen sind ungleich weniger gastfrei, als andere Nationen, wenn cs auf Einladun- gen zu Diners und Soupers ankommt; dagegen hält es nirgends leichter, als hei ihnen, zu ihren zahlreichen Abendgesellschaften freien Zutritt zu erhalten, wo es aber mehr auf geistige Mittheilung, als auf physische Genüsse abgesehen ist, und daher aufser Thee selten nur noch etwas kalte Küche gegeben wird. Der gei- stige Verkehr gewinnt jedoch dadurch ungemein an Bedeutsamkeit und Mannigfaltigkeit, dafs die Con- ventionen, welche denselben bei anderen Nationen vielfach hemmen, hier abgeworfen worden sind, und man in derselben Gesellschaft Herzoge und Kaufleute, Gelehrte und Fabrikanten, Künstler und Staatsbeamte in der ungenirtesten und freisten Unterhaltung an-

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Art der Geselligkeit in Paris.

trifft, und die Aufmerksam!

niclit von seinem Rang oder Reicht liuin. sondern le diglieh von dem Maafs des geisti en 1 teresses ab hängt, welches er zu erregen im Stande ist. Aul solche Weise werden alle neuen Ideen, alle namhaf- ten Erscheinungen in den Gebietet

menschlichen \\ issens und menschlicher Kunst Ge- genstand der lebendigsten Discussion. und gelangen zur gegenseitigen, allg en Kcuntnifs und zut

höchsten Durchbildung. Findet nun so ledrr. wel- cher irgend ein geistiges Interesse hat. in Paris ge- wifs seihe Rechnung, so ist auch nicjht weniger voll- ständig für solche gesorgt, welchen mehr oder min- der ihr leibliches Wohlsein am Herzen liegt. Denn was nur immer Land und Meer Efsbares hervorbrin- gen, bietet der Pariser Markt in dem grö - : i I eber- flufs und der gröfsten Vertrefllichkeit dar. und ein Jegliches weifs die vielseitigste und durchaus auf den Höhe der Zeil arbeitende Kochkui sten Bereitung, wie in einer l nzahl der sinnreich- sten Combinationen, dem Geschmack eine» Jeden an- zupassen. Aus allen diesen Gründen un-

gleich mehr als irgend ein Ort der Welt der bestän- dige und gemeinsame Sammelplatz einer grofsen An- zahl von Fremden aller europäischen Nationen aus den verschiedensten Classen der Gesellschaft, -«> dafs man dort von dem vornehmen Welt- i- um.

welcher sich gänzlich dem Strom der unzähligen Ge- nüsse und Zerstreuungen hingiebt. bis zu dem ein- samen Gelehrten, welcher i gezogen-

heit von ernsten Studien absorbirt wird, alle m clien Schattirungen verfolgen kann. In diesem Um- stande liegt für jeden Einzelnen, welcher Paris bc-

Bedeutende Begegnungen in Paris.

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sucht, aber wieder ein neuer Reiz des hiesigen Auf- enthalts, indem er bei längerem Verweilen Gelegen- heit findet, sich mit bedeutenden Persönlichkeiten der verschiedensten Art und aus den verschiedensten Thcilen der Welt zu berühren.

Zu meiner grofsen Freude treffe ich dieses Mal meinen berühmten Gönner, Alexander von Hum- boldt, hier an, dessen cinflufsrcichcn Empfehlungen ich die für meine Studien so günstigen Erfolge meines hiesigen Aufenthalts vor zwei Jahren verdanke. Durch den geistreichen und so vielseitig gebildeten Len or- mand, welcher uns vor einigen Jahren in Berlin be- suchte, habe ich gleich heut eine mir sehr wichtige Bekanntschaft gemacht. Er stellte mich nämlich auf der königlichen Bibliothek dem Grafen Bastard vor, welcher jetzt beschäftigt ist, die wichtigsten Minia- turen aus den Manuscripten der Bibliothek in Facsi- miles herauszugeben, und mir auf das Zuvorkom- mendste versprach, mich genau in dieses für mich so höchst interessante Unternehmen einzuweihen. Bei einem kleinen Familiendiner gab mir Lenormand Gelegenheit, die Bekanntschaft von Herrn Ampere zu erneuen, die von Paul Delarochc, einem der Matadore der jetzigen Maler in Paris, aber erst zu machen. Der Letztere vereinigt mit der den Fran- zosen so eigenthümlichen Lebendigkeit und Leichtig- keit des Ausdrucks wahre Begeisterung und ein gründ- liches Nachdenken über das Wesen seiner Kunst.

16 Geschichte des Sammelns in Frankreich.

Zweiter Brief.

Paris, den 23. Oelober.

Von der Unzahl der liier befindlichen intercssan- I len Gegenstände, welche ich Dir in meinem vorigen Briefe im Allgemeinen flüchtig angedeutet habe, he- | absichtige ich nur die Hauptdenkmale der bildenden Künste einer etwas genaueren Betrachtung zu unter- werfen. W ic in England, schicke ich eine kurze Ge- schichte des Sammelns voraus, damit Du Dir eine Vorstellung machen kannst, wie der gegenwärtig hier aufgehäufte Schatz von Kunstwerken aller Art all- mälilig zusammengekommen ist.

Auch hier ging das Sammeln von Kunstwerken j vom Hofe aus. Mit Recht kann man den trefflichen ! König Carl V. (reg. von 1364 1380) als den er- sten ansehcn, welcher sich damit befafst hat. Die gröfseren Sculpturen, Malereien und Glasgemälde, wo- mit er seine Schlösser, namentlich das Louvre, ge- 1 schmückt halte, sind zwar jetzt nicht mehr vorhan- den, wohl aber eine Anzahl der Manuscriptc seiner, i nach einem gleichzeitigen Catalog 1122 Nros. enthal- tenden und ebenfalls im Louvre aufbewahrten Biblio- thek, welche heut vornehmlich wegen der vortreff- lichen Miniaturen wichtig und als eine grolse Bilder- sammlung im kleinen Maafsstabe zu betrachten ist.

In einem dieser Manuscriptc wird ein Jan van Brügge ausdrücklich als Maler des Königs genannt. Noch gröfser war die Liebe des Herzogs Jean von Berry, Bruders des Königs (-(-1416), für die Minia- 1 turmalereij er beschäftigte die trefflichsten Künstler

Jean Herzog von Berry als Sammler. 17

dieser Gattung aus den Niederlanden, Italien und Frankreich, unter denen noch die Namen und seine in seinem Schlosse zu Wincestrc bei Paris, dem heu- tigen Bicctre, vereinigte Bibliothek, nach den noch vorhandenen Proben, gewifs den gröfsten Schatz verei- nigt haben mufs, welchen jene Zeit in dieser Kunst- art aufzuweisen hatte. Ucbcr beiden Sammlungen waltete indefs ein eigner Unstern. Um sich wegen der Thcilnahme des Herzogs von Berry an der Ver- schwörung der Orleansschen und Armagnacschcn Par- tliei im Jahr 1411 zu rächen, befahl König Carl VI. in seinem Wahnsinn, das Schlofs von Wincestrc zu zerstören. Bei Gelegenheit der sehr exactcn ui^d schleunigen Ausführung dieses Befehls durch den Pö- bel von Paris, wurde auch die Bibliothek vernichtet oder verschleppt, so dafs ein Verzeichnis vom Jahr 1416 nur 90 Nros. enthält. Die Bibliothek von König Carl V. aber wurde .während der Herrschaft der Engländer in Frankreich von dem Regenten, Herzog von Bedford, im Jahr 1429 nach England geschaht.

Der erste Sammler von Kunstwerken aller Art im grofs artigsten Maafsstabe aber war König Franz I. (reg. v. 1515 1547), der von keiner anderen Seite so sehr zu seinem Vortheil erscheint, wie als Beför- derer der Künste und Wissenschaften in seinem Rei- che. Von der hohen Blütlie, welche die bildenden Künste zu seiner Zeit in Italien erreicht hatten, auf das lebhafteste durchdrungen, bemühte er sich nicht allein auf alle Weise möglichst viele Kunstwerke aus Italien zu erwerben, sondern wo möglich diese Kunst selbst in allen ihren Verzweigungen nach Frankreich zu verpflanzen. Leider wurde dieses Bestreben nicht durchgängig von einem so günstigen Erfolge gekrönt,

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König Kranz I als . Sammler .

als es verdient hätte. Der grofse Liouardo da Vinci, welchen d - zu diesem Zwvdl bftM

nacli dem Antritt seiner Regierung heiief. war schon hoch bejahrt, und starb im Jahr 1519, ohne etwas Erhebliches hervorgebracht zu haben; der graziöse und talentreichc Andrea del Sarto, welcher der Aufforderung de» Königs gcinüfs in» Jahre 151S in Fontainebleau erschien, brach leichtsinnig den Eid, welchen er geschworen, nach Frankreich zurückzu» kehren, und vergeudete die Summen, welche ihm der König zum Ankauf \ou antiken Sculpturen anvertraut hatte. Kos so, welcher im Jahre 1530 nach Frank- reich ging, und zum Oberwerk dei Kinutmv»

ternehmungen des König in Fontai mMl

wurde, war zwar ein an Ertindungen fruchtbares Ta- lent, gehört aber doch schon zu den Künstlern ab» steigender Linie, bei denen an die Stelle naiver Ent- faltung der Kigcnthiimlichkcit ein prunkhafte». bc- wufstes Darlegen der erlangten Meisterschaft getre- ten war. Ueberdcm wurde seinem \V irken durch Selbstmord im Jahre 1511 eiu Ziel gesetzt. Der Sic- neser Jacopo Pacehiarot t o. ein bedeutendes Ta- lent, welches noch jener reinen und naiven Kunst- weise angehörte, war, allem Anschein nach, als er im Jahre 1535 nach Frankreich ging, schon über das \ rüstige Mannesalter hinaus, hat aber wohl keinenfalla | dort lange gelebt, indem von seinem dasigen W irken j 1 und Werken sich keine Spur erhalten hat. Prima- ticcio endlich, welcher auf Empfehlung des Herzogs I von Mantua im Jahre 1531 in die Dienste des Kö- nigs trat, und unter dessen Oberaufsicht vom Jahre 1541 ab. bis zu seinem Tode im Jahre 1570 eine er- staunliche Anzahl von Werken zu Tage gefordert I

König Franz I. als Kunst Lesehölzer.

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| wurde, war zwar ein sehr fruchtbares und vielseiti- ges Talent, indem er mit gleicher Meisterschaft malte, in Stuccatur arbeitete, und. auch Pläne zu Gebäuden I entwarf; er gehört indefs im Wesentlichen und in j noch gröfsercin Maafse derselben Classe von Künst- lern an, wie Ros so, und steht in Reinheit des Ge- schmacks, in Gediegenheit der Ausführung ungleich tiefer unter seinem Meister, Giulio Romano, als dieser unter seinem so viel höher als er stehenden Lehrer Raphael.

Nicht glücklicher war Franz I. mit den italie- | nischen Bildhauern; denn Benvcnuto Ccllini wird | zwar stets den Ruhm eines höchst ausgezeichneten Goldschmieds oder Bildhauers im kleinen Maafsstabe i behaupten, nimmt aber als Bildhauer in grüfserem I Maafsstabe immer einen nur sehr sccundären Rang I ein. Glücklicher Weise bcsafs indefs Frankreich in I dieser Zeit an Jean Goujon ein höchst ausgezeich- netes einheimisches Talent. Besser gelang cs dem Könige mit dem Steinschneider Mat eo dcl Nassaro von Yerona, welchen er zum Münzmeister ernannte, und der in dieser Beziehung, nach der vortrefflichen Arbeit einer Rciterschlacht in einem Sardonix in dem hiesigen Cabinet des Königs, sehr Achtbares geleistet haben mufs. Am meisten begünstigte ihn indefs das Glück in der Wahl des Architecten in der Person des Sebastiano Serlio, welchen Denkmale, wie der Pallast Grimani und die Scuola di St. Rocco zu Venedig, noch jetzt als einen für Massen und Ilaupt- verhältnisse tüchtigen Künstler in seinem Fache aus- weisen. Aufserdem aber fand Franz in Philibert de Lorme einen französischen Architecten von sehr ausgezeichneter Art.

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König Franz I. als Kunstbeschützer.

Die künstlerischen Mittel, welche diese Männer, im Gefolge einer grofsen Anzahl untergeordneter Ta- lente, dem Könige darboten, wufste er an seinen Schlössern, dem Louvre, \ incennes, St. Germain en Laye, Chambord, Rambouillet. Verne ul und anderen, geltend zu machen, welche er entweder ganz neu errichtete, oder docli künstlerisch ausschmückte. "\ or Allem aber gelang cs ihm, dadurch Fontainebleau, eins der alten Jagdschlösser der Könige von Frank- reich, zu einer Kunstwelt umzuschaiTcn, in deren ^ er- herrlichung Architcctur, Sculptur und Malerei wett- eiferten. Die Gebäude, welche er dort vom Jahre 1528 an nach den Plänen des Scrl io errichtete, wa- ren von solchem Umfang, dafs sie drei grofsc. hin- ter einander liegende Höfe umschlossen. In einer Gal- lerie, welche eine Seite des zweiten Hofes (de la fontaine genannt) einnahm, und den Beinamen der kleinen oder Franz’s I. hatte, liefs Rosso von seinen Schülern, unter denen ein Lu ca Pc uni, ein Gio- van Batista Bagnacavallo, Bruder des berühm- ten Bartolomeo, 14 grofsc, sehr reich